Ratgeber

Agri-Photovoltaik 2026: Doppelte Flächennutzung zwischen Rekordprojekten und gekürzter Förderung

Agri-PV verbindet Landwirtschaft und Solarstrom auf derselben Fläche – ein Überblick über Rekordprojekte wie Selchow, das Fraunhofer-Potenzial von 500 Gigawatt und die gekürzte Förderung durch die EEG-Novelle 2027.

Reihen von Photovoltaik-Modulen auf einer Freifläche mit Gras unter blauem Himmel

Auf rund 70 Hektar bei Selchow, unweit des Flughafens BER, drehen sich seit dem 8. September 2026 die Mähdrescher weiter zwischen 74.000 Solarmodulen: Deutschlands größte Agri-Photovoltaik-Anlage mit fortgeführter Ackernutzung erzeugt dort jährlich rund 59 Gigawattstunden Strom – und zeigt, wohin sich ein Marktsegment entwickelt, das gerade zwischen Rekordprojekten und einer deutlich gekürzten Förderung steht.

Was Agri-Photovoltaik von klassischer Freiflächen-PV unterscheidet

Agri-PV bezeichnet Solaranlagen, die landwirtschaftliche Flächen nicht ersetzen, sondern mit ihnen kombinieren: Unter, zwischen oder über den Modulreihen wird weiter Ackerbau, Grünlandnutzung oder Beweidung betrieben. Maßgeblich für die Einordnung ist die 2021 veröffentlichte Vornorm DIN SPEC 91434, die unter anderem festlegt, dass bei der förderfähigen Hauptkategorie mindestens 66 Prozent des ohne Solaranlage möglichen landwirtschaftlichen Ertrags erhalten bleiben müssen. In der Praxis haben sich drei Bauformen etabliert:

  • Hochaufgeständerte Anlagen über Acker-, Obst- oder Weinbauflächen, unter denen Maschinen weiterarbeiten können.
  • Bodennahe Anlagen mit größeren Reihenabständen, meist für Beweidung oder Grünlandnutzung.
  • Vertikale, bifaziale Systeme, die als Streifen oder Einzäunung zwischen Ackerstreifen stehen und beidseitig Licht einfangen.

Rekordprojekte 2026

ProjektFläche / LeistungStatus
Selchow (Lkr. Dahme-Spreewald)70 ha, 74.000 Module, 59 GWh/JahrNetzanschluss 8.9.2026 – größte Anlage mit fortgeführter Ackernutzung
Schlier (Lkr. Ravensburg)–In Betrieb, in Medienberichten ebenfalls als „größte Agri-PV-Anlage Deutschlands" bezeichnet
Bad Waldsee „St. Josef"8,3 ha, 6 MWGeplant, Versorgung von ca. 2.500 Haushalten ab Anfang 2027
Gernsheim (Hessen)zunächst 15 ha, perspektivisch bis 20 MWPlanung, Bauleitverfahren für 2027/2028

Dass zwei Projekte parallel als „größte" Anlage kursieren, zeigt: Eine laufend aktualisierte amtliche Agri-PV-Statistik fehlt bislang – anders als beim Gesamtmarkt, den die Bundesnetzagentur engmaschig erfasst.

Das Flächenpotenzial: 500 Gigawatt laut Fraunhofer ISE

Wie groß der ungenutzte Spielraum ist, zeigt eine Potenzialstudie des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme ISE von Juli 2025: Auf geeigneten Grünland-, Acker- und Dauerkulturflächen ließen sich demnach technisch bis zu 500 Gigawatt Agri-PV-Leistung installieren – mehr als das Doppelte des gesamten deutschen Photovoltaik-Ziels von 215 Gigawatt bis 2030. Als größter limitierender Faktor gilt dabei nicht die Fläche, sondern die verfügbare Netzanschlusskapazität vor Ort.

Der Gesamtmarkt liefert den Rahmen: Laut Bundesnetzagentur (Stand 13. Juli 2026) kamen von Januar bis Juni 2026 rund 7,5 Gigawatt neue PV-Leistung hinzu, kumuliert sind damit etwa 128 Gigawatt installiert. Die EEG-Ziele von 172 Gigawatt bis 2028 und 215 Gigawatt bis 2030 erfordern laut Bundesverband Solarwirtschaft (BSW-Solar) rund 20 Gigawatt Zubau pro Jahr – erreicht wurden in den vergangenen beiden Jahren jeweils nur etwa 17,5 Gigawatt. Flächeneffiziente Konzepte wie Agri-PV gewinnen vor diesem Hintergrund politisch an Gewicht.

Förderung im Umbruch: EEG-Novelle 2027 kürzt den Bonus

Noch gilt für Agri-PV ein eigenes Ausschreibungssegment für „besondere Solaranlagen" (gemeinsam mit Floating- und Parkplatz-PV) mit separatem Höchstwert sowie einem Bonus von bislang bis zu 1,2 Cent pro Kilowattstunde für hochaufgeständerte beziehungsweise 0,5 Cent für bodennahe Systeme, gezahlt über 20 Jahre auf den Zuschlagswert. Das Bundeskabinett hat am 29. Juli 2026 die EEG-Novelle 2027 beschlossen, die diesen Bonus auf einheitlich 0,5 Cent absenkt. Verbände wie Bioland und der Landvolk Niedersachsen fordern mindestens 2,5 Cent und verweisen auf höhere Baukosten hochaufgeständerter Konstruktionen.

Wichtig für die Einordnung: Der Kabinettsbeschluss ist noch kein verabschiedetes Gesetz – wie bei der parallel laufenden EEG-Novelle und dem Netzpaket entscheidet erst der Bundestag endgültig, und am Verfahren können sich bis dahin noch Details ändern.

Ein struktureller Vorteil bleibt Agri-PV aber unabhängig vom Bonus erhalten: Die 25-Prozent-Kürzung der Marktprämie, die für klassische Freiflächenanlagen ab einer bestimmten Größe greift, gilt für Agri-PV nicht. Nach einer Ausarbeitung des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestags werden größere Freiflächenprojekte deshalb in der Praxis kaum noch ohne Agri-PV-Komponente realisiert.

Was das für Landwirte und Flächeneigentümer bedeutet

Für Betriebe mit geeigneten Flächen verschiebt sich die Abwägung dadurch in mehrere Richtungen gleichzeitig:

  • Doppelte Flächennutzung statt Verdrängung: Pacht- oder Beteiligungseinnahmen aus der Solaranlage ergänzen den landwirtschaftlichen Ertrag, statt ihn zu ersetzen – bei Einhaltung der 66-Prozent-Grenze bleibt die Fläche agrarstrukturell Ackerland.
  • Längerer Vorlauf als bei Dach-PV: Flächennutzungsplanung, Bauleitverfahren und Netzanschlussprüfung ziehen sich, wie Gernsheim und Bad Waldsee zeigen, über ein bis zwei Jahre.
  • Netzanschluss zuerst klären: Weil laut Fraunhofer ISE nicht die Fläche, sondern das Netz der Engpass ist, lohnt sich eine frühe Anfrage beim Verteilnetzbetreiber.
  • Förderunsicherheit einkalkulieren: Mit dem niedrigeren Bonus von 0,5 Cent rechnen und eine mögliche Nachbesserung im Bundestagsverfahren als Chance behandeln, nicht als Grundlage – ähnlich wie bereits bei sinkenden Erlösen aus der Einspeisung empfohlen.

Nicht jede Fläche eignet sich für ein 70-Hektar-Projekt wie Selchow. Gerade für kleinere landwirtschaftliche Betriebe oder Gewerbeflächen mit angrenzendem Grünland können auch kompaktere bodennahe oder vertikale Systeme ein sinnvoller Einstieg sein – oft in Kombination mit einer klassischen Gewerbedach-Anlage auf vorhandenen Hofgebäuden.

Fazit

Mit einem technischen Flächenpotenzial von 500 Gigawatt laut Fraunhofer ISE, mehreren Rekordprojekten 2026 und einer strukturellen Förderbevorzugung gegenüber klassischer Freiflächen-PV bleibt Agri-Photovoltaik eines der am stärksten wachsenden Segmente der Energiewende. Die von der EEG-Novelle 2027 vorgesehene Kürzung des Bonus auf 0,5 Cent sorgt aber für Unsicherheit, solange das Gesetzgebungsverfahren läuft. Für Flächeneigentümer lohnt sich deshalb vor allem eines: frühzeitig den Netzanschluss klären und mit aktuellen, nicht mit optimistischen Förderwerten rechnen.

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